Person berührt entspannt die Halsregion über der Schilddrüse, ruhige medizinisch-ästhetische Aufnahme

Haarausfall durch die Schilddrüse: Unterfunktion, Überfunktion, Hashimoto und was hilft

Kurzantwort: Verursacht die Schilddrüse Haarausfall?

Ja. Sowohl eine Unterfunktion (Hypothyreose) als auch eine Überfunktion (Hyperthyreose) der Schilddrüse können Haarausfall auslösen, weil die Schilddrüsenhormone T3 und T4 den Haarzyklus direkt steuern. Der Verlust ist typischerweise diffus, also eine gleichmäßige Ausdünnung der gesamten Kopfhaut ohne kahle Herde (telogenes Effluvium). Bei rund 30 % der neu diagnostizierten manifesten Unterfunktionen tritt Haarausfall auf (American Thyroid Association). Nach Einstellung der Schilddrüse auf Normalwerte (Euthyreose) wächst das Haar in der Regel über mehrere Monate wieder nach.

  • Der Ausfall ist diffus über die ganze Kopfhaut, nicht herdförmig.
  • Es gibt keinen festen TSH-Wert, ab dem die Haare ausfallen.
  • Nach Erreichen der Euthyreose ist der Ausfall meist reversibel.

Wenn die Haare dünner werden und gleichzeitig Müdigkeit, Gewichtsveränderungen oder Kälteempfinden dazukommen, gerät die Schilddrüse schnell in Verdacht. Zu Recht: Schilddrüsenhormone gehören zu den stärksten Steuersignalen für das Haarwachstum. Dieser Artikel erklärt den genauen Mechanismus, ordnet Unter- und Überfunktion sowie Hashimoto ein, klärt das verwirrende Shedding nach dem Start von L-Thyroxin und zeigt, welche Werte Sie wirklich messen lassen sollten. Stand der Recherche: Juni 2026.

Wie die Schilddrüse das Haarwachstum steuert

Die Schilddrüse steuert das Haarwachstum, weil die Haarfollikel eigene Schilddrüsenhormon-Rezeptoren tragen und Schilddrüsenhormon lokal verarbeiten. Billoni et al. wiesen im British Journal of Dermatology (2000) nach, dass der menschliche Haarfollikel Thyroidhormon-Rezeptoren exprimiert, wobei die Isoform TRβ1 dominiert. Das Haar reagiert also nicht nur indirekt über den Stoffwechsel, sondern direkt auf das Hormon.

Die zentrale Studie dazu stammt von van Beek et al. (Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 2008). T4 verlängert in vitro die Wachstumsphase (Anagen) der Haarfollikel, steigert die Teilung der Haarmatrix-Zellen und fördert die Pigmentierung. Auffällig: Der Follikel transkribiert die Deiodinase-Gene D2 und D3 und wandelt damit T4 vor Ort selbst in das aktivere T3 um.

Einfach gesagt: Ohne die richtige Menge Schilddrüsenhormon an der Haarwurzel schaltet das Haar zu früh vom Wachstums- in den Ausfallmodus. Die Wirkkette in Kurzform: T4 gelangt in den Follikel, das Enzym D2 bildet daraus lokal T3, dieses bindet an den TRβ1-Rezeptor und drosselt den Anagen-Hemmstoff TGF-β2. Dadurch bleibt die Wachstumsphase länger aktiv. Kippt die Hormonbalance bei Mangel oder Überschuss, kehrt sich das um: Die Follikel rutschen vorzeitig in die Ruhephase (Telogen) und das Haar fällt diffus aus. Wie die einzelnen Phasen zusammenspielen, erklärt unser Beitrag zum Haarzyklus.

Ergänzend zeigt sich der Effekt auch auf Stammzell-Ebene: Im Mausmodell blockiert das Ausschalten der Rezeptoren TRα1 und TRβ die Mobilisierung von Haarfollikel-Stammzellen aus der Ruhephase, vermittelt über einen gestörten Wnt/β-Catenin-Weg (Contreras-Jurado et al., 2015). Das erklärt, warum eine Schilddrüsenstörung den Nachschub neuer Haare nicht nur verlangsamt, sondern den gesamten Zyklus aus dem Takt bringt. Genau diese gemeinsame Taktung vieler Follikel ist der Grund, warum der Ausfall diffus über die ganze Kopfhaut verteilt auftritt und nicht in einzelnen Herden.

Wissenschaftliche Illustration des Wirkwegs von der Schilddrüse über ein Blutgefäß zum Haarfollikel in der Kopfhaut

Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) und Haarausfall

Eine Schilddrüsenunterfunktion verursacht diffusen Haarausfall: eine gleichmäßige Ausdünnung der gesamten Kopfhaut ohne kahle Herde. In Deutschland liegt die manifeste Hypothyreose bei etwa 1 % der Bevölkerung, die latente (subklinische) Form je nach Alter und Messmethode bei 3 bis 16 % (IQWiG, gesundheitsinformation.de). Die oft zitierte Angabe von 5 von 100 Betroffenen fasst beide Formen zusammen.

Typisch fürs Haar bei Unterfunktion ist neben der Ausdünnung ein trockenes, sprödes Haar sowie der mögliche Verlust von Augenbrauen- und Körperbehaarung (Cleveland Clinic). Klassisch ist das sogenannte Hertoghe-Zeichen, der Verlust des äußeren Augenbrauen-Drittels. Es ist allerdings unspezifisch und allein kein Beweis, mehr dazu im FAQ-Teil.

Begleitend treten häufig Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfinden und trockene Haut auf (NHS). Für die hausärztliche Abklärung eines auffälligen Werts ist in Deutschland die AWMF-S2k-Leitlinie 053-046 „Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis“ (DEGAM, Stand 19.01.2024) maßgeblich. Eine vertiefte Darstellung der Unterfunktion finden Sie in unserem Detailbeitrag Haarausfall durch Hypothyreose.

Erschöpfte, fröstelnde Person am Fenster als Symbolbild für Müdigkeit und Kälteempfinden bei Schilddrüsenunterfunktion

Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose) und Haarausfall

Auch eine Schilddrüsenüberfunktion verursacht diffusen, nicht-narbigen Haarausfall. Das Haar wirkt dabei oft fein, weich und seidig, ist weniger zugfest und bricht leichter. Betroffen sein können auch das äußere Augenbrauen-Drittel, die Wimpern sowie Achsel- und Schambehaarung (NIH/PMC-Review „Impact of Thyroid Dysfunction on Hair Disorders“).

Der Mechanismus ist gewissermaßen das Spiegelbild der Unterfunktion: Ein Überschuss an T3 und T4 verkürzt die Wachstumsphase und beschleunigt den Übergang in die Telogenphase, zusätzlich schädigt oxidativer Stress die Follikel. Begleitsymptome sind typischerweise vermehrtes Schwitzen, Gewichtsverlust, Herzrasen und innere Unruhe.

Zur Häufigkeit kursiert die Angabe, Haarausfall betreffe bis zu 15 % der Patienten mit Überfunktion (Deutsches Schilddrüsenzentrum). Diese Zahl stammt aus einer Sekundärquelle und sollte als grobe Orientierung verstanden werden. Wichtig ist die Botschaft dahinter: Nicht nur ein Zuwenig, sondern auch ein Zuviel an Schilddrüsenhormon kostet Haare.

Praktisch heißt das, dass eine Überfunktion bei der Suche nach der Ursache leicht übersehen wird, weil viele zuerst nur an die Unterfunktion denken. Wer feines, brüchiges Haar zusammen mit Herzrasen, Unruhe und unerklärtem Gewichtsverlust bemerkt, sollte die Überfunktion gezielt abklären lassen. Auch hier gilt: Erst die Funktionsstörung einstellen, dann erholt sich der Haarzyklus in der Regel über mehrere Monate.

Unterfunktion vs. Überfunktion: Symptome am Haar und Körper
Beide Formen führen zu diffusem Haarausfall über die ganze Kopfhaut (telogenes Effluvium).
Unterfunktion (Hypothyreose)
Haar-Effekt
trockenes, sprödes, brüchiges Haar
Leitsymptome
Müdigkeit, Gewichtszunahme, Kälteempfinden, trockene Haut
TSH-Richtung
TSH erhöht
Überfunktion (Hyperthyreose)
Haar-Effekt
feines, weiches, seidiges Haar, bricht leichter
Leitsymptome
Schwitzen, Gewichtsverlust, Herzrasen, innere Unruhe
TSH-Richtung
TSH erniedrigt
TSH steht gegenläufig zu fT3/fT4. Referenzbereich je nach Labor, z. B. TSH 0,27–4,20 µIU/ml (Endokrinologikum Hamburg).

Verändert die Schilddrüse die Haarstruktur?

Ja, eine Schilddrüsenstörung verändert oft auch die Haarstruktur selbst, nicht nur die Dichte. Bei einer Unterfunktion wird das Haar typischerweise trocken, spröde, brüchig und wirkt strohig bis drahtig (NIH/PMC-Review; Cleveland Clinic). Viele Betroffene bemerken die Veränderung der Beschaffenheit früher als den eigentlichen Ausfall.

Bei einer Überfunktion zeigt sich das Gegenteil: Das Haar wird fein, weich und seidig, manche beschreiben ein „Flusenhaar“, das kaum Halt gibt (NIH/PMC-Review). Diese Texturveränderung ist ein praktischer Hinweis für die eigene Einordnung. Sie bleibt aber ein Indiz, kein Beweis. Sicherheit liefert ausschließlich die Blutuntersuchung.

Hashimoto-Thyreoiditis und die Abgrenzung zu Alopecia areata

Die Hashimoto-Thyreoiditis ist die häufigste Ursache der Schilddrüsenunterfunktion und eine Autoimmunerkrankung. Diagnostisch zeigt sich meist eine Erhöhung der TPO-Antikörper (Antikörper gegen die Schilddrüsen-Peroxidase), gelegentlich auch der Tg-Antikörper. Der Haarausfall folgt hier dem diffusen Muster der Unterfunktion.

Wichtig ist die Abgrenzung zur Alopecia areata, dem kreisrunden Haarausfall. Beide Autoimmunprozesse treten gehäuft gemeinsam auf: Eine bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie mit 33.401 Betroffenen (Wohl et al., JDDG 2026) fand für die Assoziation Hashimoto und Alopecia areata eine Odds Ratio von 1,67 (95 %-Konfidenzintervall 1,58 bis 1,77). Eine Mendelsche Randomisierung (Frontiers in Endocrinology, 2024) stützt einen Kausalhinweis von der Hypothyreose zur Alopecia areata (OR 1,43), nicht jedoch von der Überfunktion.

Entscheidend für Betroffene: Die Alopecia areata ist eine andere Erkrankung als der Schilddrüsen-Haarausfall. Sie verläuft herdförmig, mit münzgroßen, scharf begrenzten kahlen Flecken, und beruht auf einem T-Zell-Angriff auf den Follikel. Eine reine Normalisierung des TSH heilt die Alopecia areata nicht. Wer also neben diffuser Ausdünnung plötzlich runde kahle Stellen entdeckt, sollte dies gesondert dermatologisch abklären lassen.

MerkmalSchilddrüsen-Haarausfall (telogenes Effluvium)Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall)
Musterdiffus, gesamte Kopfhautherdförmig, runde scharf begrenzte Flecken
UrsacheHormonmangel oder -überschuss verschiebt den HaarzyklusAutoimmuner T-Zell-Angriff auf den Follikel
Reaktion auf Schilddrüsen-Einstellungbildet sich meist nach Euthyreose zurückwird durch TSH-Normalisierung nicht geheilt

Sonderfall nach der Schwangerschaft (postpartale Thyreoiditis)

Nicht jeder Haarausfall nach der Geburt ist der normale postpartale Haarausfall, der sich von selbst zurückbildet. Dahinter kann auch eine vorübergehende Schilddrüsenentzündung nach der Geburt stecken, die postpartale Thyreoiditis. Sie durchläuft oft eine Phase mit Überfunktion und anschließend mit Unterfunktion und kann den Haarzyklus auf dieselbe Weise verschieben. Wenn der Haarausfall nach der Schwangerschaft ungewöhnlich stark ist oder über die übliche Zeit hinaus anhält, sollten die Schilddrüsenwerte ärztlich kontrolliert werden.

Haarausfall seit dem Start von L-Thyroxin: was hinter dem Shedding steckt

Haarausfall direkt nach Beginn oder Dosisanpassung von L-Thyroxin ist ein häufig beschriebenes Phänomen und wirkt zunächst paradox. Die Erklärung: Viele Follikel, die in der Ruhephase festsaßen, werden gleichzeitig reaktiviert (Telogen-Release) und schieben ihre alten Haare auf einmal aus. Ein zweiter möglicher Grund ist eine noch nicht passend eingestellte Dosis, also entweder eine fortbestehende Unter- oder eine vorübergehende Überfunktion.

Dieses Shedding beginnt meist einige Monate nach dem Start, weil die Follikel verzögert reagieren, und es dauert in der Regel nur wenige Monate. Mit der Stabilisierung des TSH-Werts klingt es üblicherweise ab. Die Belege dafür stammen überwiegend aus Patienten- und Pharma-Informationsportalen (etwa Paloma Health, Drugs.com), nicht aus harter Primärliteratur. Genaue Wochenangaben wären daher unseriös.

Wichtig zur Einordnung

Setzen Sie L-Thyroxin bei einem solchen Shedding nicht eigenmächtig ab. Der Schub ist meist vorübergehend, und ein Absetzen würde die zugrunde liegende Unterfunktion verschlimmern. Die in dieser Phase ausfallenden Haare sind nicht dauerhaft verloren, sie machen Platz für neues, gesundes Haar. Besprechen Sie die Beobachtung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt und warten Sie die korrekte Dosiseinstellung ab.

Diagnose: Welche Schilddrüsenwerte bei Haarausfall messen lassen?

Zur Abklärung von Haarausfall durch die Schilddrüse gehören der Basiswert TSH sowie die freien Hormone fT3 und fT4, ergänzt um die Antikörper TPO-AK und bei Verdacht auf Morbus Basedow TRAK. Wichtig vorab: Alle Referenzbereiche sind labor- und methodenabhängig, gelten also nur „je nach Labor“. Und die Einheiten mU/L, mIU/L und µIU/ml sind 1:1 identisch, auch wenn sie auf Befunden unterschiedlich geschrieben werden.

Blutröhrchen im Laborständer als Symbolbild für den TSH-Bluttest bei Verdacht auf Schilddrüsen-Haarausfall

Der Aha-Effekt beim Lesen des Befunds: TSH verhält sich gegenläufig zu fT3 und fT4. Bei einer Unterfunktion ist das TSH erhöht, während fT3 und fT4 niedrig sind. Bei einer Überfunktion ist es umgekehrt. Das liegt am Regelkreis zwischen Hypophyse und Schilddrüse, in dem das TSH als Steuerhormon der Hirnanhangsdrüse die Schilddrüse antreibt. Ergänzend kann eine Sonografie (Ultraschall der Schilddrüse) sinnvoll sein.

Die Antikörper trennen die Ursachen voneinander: Erhöhte TPO-AK weisen auf eine Hashimoto-Thyreoiditis hin, während ein positiver TRAK für einen Morbus Basedow spricht und bei reinem Hashimoto meist negativ bleibt. Der TPO-AK-Grenzwert ist dabei stark assayabhängig und reicht je nach Labor von rund 9 bis 60 IU/ml, weshalb ein einzelner Zahlenwert ohne den Referenzbereich des jeweiligen Labors wenig aussagt. Genau deshalb gehört auf jeden Befund der laboreigene Normbereich, an dem Sie sich orientieren.

WertUnterfunktionNormalbereichÜberfunktionEinheit
TSHerhöht (über ca. 4,2)0,27–4,20erniedrigt (unter ca. 0,27)µIU/ml (= mIU/L = mU/L)
fT4 (freies T4)erniedrigt0,8–1,8erhöhtng/dl
fT3 (freies T3)erniedrigt2,0–4,4erhöhtpg/ml
TPO-AKerhöht bei Hashimotounter 34 (negativ)meist normalIU/ml
TRAKmeist normalunter 1,0 (negativ)erhöht bei BasedowmU/l (= IU/L)

Referenzbereiche variieren je nach Labor und Messmethode. Der TPO-AK-Grenzwert liegt assayabhängig zwischen rund 9 und 60 IU/ml; 34 IU/ml ist ein häufiger deutscher Laborwert. Quellen: Endokrinologikum Hamburg, Deutsches Schilddrüsenzentrum.

Wenn der Hausarzt nur den TSH gemessen hat und das Haar weiter ausfällt, lohnt der gezielte Gang zum Endokrinologen mit einer klaren Werteliste. Die folgende Checkliste können Sie ausdrucken oder als Screenshot mitnehmen. Welche Rolle Blutwerte allgemein bei Haarausfall spielen, vertieft unser Beitrag zum Bluttest bei Haarausfall.

Endokrinologen-Briefing: Werte zum Mitnehmen

Diese Werte beim Endokrinologen anfordern, wenn nur der TSH bestimmt wurde und das Haar weiter ausfällt:

  • ☐  fT3 (freies T3) – Schilddrüsenfunktion
  • ☐  fT4 (freies T4) – Schilddrüsenfunktion
  • ☐  TPO-AK – Autoimmunmarker (Hashimoto)
  • ☐  TRAK – Autoimmunmarker (Morbus Basedow)
  • ☐  Ferritin – Eisenspeicher, häufige Begleitursache für diffusen Haarausfall
  • ☐  Vitamin D (25-OH) – häufiger Mangel
  • ☐  Selen – nur im Hashimoto-Kontext und bei nachgewiesenem Mangel, mit ärztlicher Begleitung

Keine Selbstdiagnose: Diese Liste ist eine Gesprächsgrundlage für Ihren Arzttermin, kein Ersatz für die ärztliche Beurteilung.

Behandlung und Haar-Nachwachsen bei Schilddrüsen-Haarausfall

Die Behandlung von Schilddrüsen-Haarausfall besteht darin, die zugrunde liegende Funktionsstörung auszugleichen, nicht das Haar separat zu behandeln. Bei einer Unterfunktion ersetzt L-Thyroxin das fehlende T4. Nach einer Dosisänderung wird der TSH in der Regel alle 6 bis 8 Wochen kontrolliert (NHS). Sobald die Euthyreose erreicht ist, normalisiert sich der Haarzyklus meist von selbst.

Bei einer Überfunktion drosseln Thyreostatika die Hormonproduktion. Das telogene Effluvium bildet sich danach in der Regel über mehrere Monate zurück (NIH/PMC-Review). In beiden Fällen gilt: Die Normalisierung der Telogenrate braucht Zeit, weil zuerst die Ruhephase der betroffenen Follikel ablaufen muss, bevor neue Haare nachschieben.

Wie lange das dauert, lässt sich nur als grobe Orientierung angeben. Eine sichtbare Verbesserung zeigt sich typischerweise im Bereich von 3 bis 6 Monaten nach der Normalisierung, die volle Dichte kann erst nach 9 bis 12 Monaten erreicht sein, bei langer Vorerkrankung auch später (Forum Schilddrüse). Die folgende Timeline zeigt das übliche Muster.

ZeitraumWas im Follikel passiert
Monat 1–2Der Hormonwert normalisiert sich, der Ausfall stoppt langsam.
Monat 3–4Die Follikel treten wieder in die Wachstumsphase (Anagen) ein.
Monat 5–6Erste neue, noch dünne Haare (Baby Hair) werden sichtbar.

Grobe Orientierung. Der Zeitraum von 3 bis 6 Monaten entspricht etwa der Dauer der Telogenphase, bevor neue Haare nachschieben.

Ganz praktisch zur Beruhigung: Normales Waschen, Kämmen oder Färben beschleunigt den Ausfall nicht. Die betroffenen Haare stehen bereits in der Telogenphase und lösen sich ohnehin, das tägliche Handling bringt sie nur etwas früher sichtbar zum Vorschein, anstatt zusätzliche Haare zu kosten.

Selen bei Hashimoto: was die Evidenz wirklich hergibt

Selen wird im Hashimoto-Kontext oft als Ergänzung gehandelt, die Evidenz dafür ist jedoch schwach und uneinheitlich. Ein Cochrane-Review (van Zuuren et al., 4 randomisierte Studien, 463 Teilnehmer) hält wörtlich fest, die Datenlage zur Selen-Supplementierung bei Hashimoto sei „incomplete and not reliable“, also unvollständig und nicht verlässlich genug für klinische Entscheidungen. Einzelne Studien zeigten eine Senkung der TPO-AK, deren klinische Bedeutung bleibt aber unklar.

Eine neuere Meta-Analyse aus 2024 (35 Studien) sieht zwar ebenfalls eine TPO-AK-Reduktion, jedoch bei niedriger Evidenzqualität und starker Heterogenität (I² = 90 %). Daraus lässt sich keine generelle Empfehlung ableiten. Selen kommt allenfalls bei nachgewiesenem Mangel und unter ärztlicher Begleitung infrage, nicht als Standardtherapie und nicht in Eigenregie. Welche Nährstoffe wann überhaupt sinnvoll sind, ordnet unser Beitrag zu Kapseln gegen Haarausfall ein.

Diffuser Schilddrüsen-Haarausfall oder genetischer Haarausfall?

Schilddrüsen-Haarausfall ist diffus und betrifft die gesamte Kopfhaut, während genetischer (androgenetischer) Haarausfall einem Muster folgt: Geheimratsecken und lichter Scheitel beim Mann, ein breiter werdender Scheitel bei der Frau. Der Mechanismus ist grundverschieden, eine Verschiebung des Haarzyklus durch Hormonmangel auf der einen, eine DHT-vermittelte Miniaturisierung der Follikel auf der anderen Seite.

MerkmalSchilddrüse (telogenes Effluvium)Androgenetische Alopezie (AGA)
Musterdiffus, gesamte KopfhautGeheimratsecken und Scheitel (Mann), breiterer Scheitel (Frau)
MechanismusVerschiebung des Haarzyklus in die TelogenphaseDHT-vermittelte Follikel-Miniaturisierung
Reversibilitätmeist reversibel nach Euthyreoseprogressiv, ohne Behandlung nicht reversibel

Beides kann gleichzeitig vorliegen, und das ist nicht selten. In einer Untersuchung an Frauen mit androgenetischer Alopezie fand sich bei 31,25 % zusätzlich eine Hypothyreose (NIH/PMC-Review). Eine Mendelsche Randomisierung zeigte dabei keinen kausalen Zusammenhang von der Schilddrüse zur androgenetischen Alopezie (p über 0,05). Die beiden Ursachen sind unabhängig und können sich überlagern. Mehr zum musterförmigen Typ lesen Sie unter androgenetische Alopezie.

Für die Praxis heißt das: Der erste Schritt ist herauszufinden, welcher Typ vorliegt. Diffuser Schilddrüsen- oder TE-Haarausfall gehört internistisch behandelt und ist für eine Haartransplantation nicht geeignet. Nur der genetische, musterförmige Haarausfall spricht auf Haarwuchsmittel oder eine Haartransplantation an.

Um zu klären, ob bei Ihnen überhaupt ein genetischer (musterförmiger) Haarausfall vorliegt, an dem eine Behandlung ansetzen kann, hilft die kostenlose Elithair-Haaranalyse. Den Schilddrüsen-Status selbst kann sie nicht beurteilen. Diesen muss zwingend der Arzt per Blutbild klären.

Häufige Fragen zu Haarausfall und Schilddrüse

Welcher TSH-Wert verursacht Haarausfall?

Es gibt keinen festen TSH-Schwellenwert für Haarausfall. Die American Thyroid Association stellt ausdrücklich fest, dass es keinen zuverlässigen Zusammenhang zwischen der Höhe von TSH, T3 oder T4 und der Symptomstärke gibt. Haarausfall kann bereits bei einer subklinischen Unterfunktion auftreten. Ein einzelner Grenzwert lässt sich daher seriös nicht angeben.

Wächst das Haar nach der Schilddrüsen-Einstellung wieder nach?

In der Regel ja. Nach Erreichen der Euthyreose erholt sich der Haarzyklus meist über mehrere Monate, eine sichtbare Verbesserung zeigt sich häufig nach 3 bis 6 Monaten. Die volle Dichte kann länger brauchen.

Hashimoto und Haarausfall: was tun?

Lassen Sie die Schilddrüse ärztlich einstellen (meist L-Thyroxin) und neben dem TSH die TPO-AK sowie Begleitwerte prüfen. Treten zusätzlich runde, scharf begrenzte kahle Stellen auf, sollten Sie an eine Alopecia areata denken. Das ist eine eigene Erkrankung, die gesondert behandelt wird.

Kann auch eine Schilddrüsenüberfunktion Haarausfall verursachen?

Ja. Auch eine Überfunktion löst diffusen Haarausfall aus, oft mit feinerem, weicherem Haar, das leichter bricht (NIH/PMC-Review). Nach der Einstellung der Überfunktion bildet sich der Haarausfall in der Regel über Monate zurück.

Verliert man durch die Schilddrüse Augenbrauen?

Möglich ist der Verlust des äußeren (lateralen) Augenbrauen-Drittels, das sogenannte Hertoghe-Zeichen. Es gilt als klassisch, ist aber unspezifisch und tritt auch bei atopischer Dermatitis und anderen Erkrankungen auf. Allein ist es kein Beweis für eine Schilddrüsenstörung (DocCheck Flexikon; QJM Oxford 2023).

Haarausfall seit den Schilddrüsentabletten: ist das normal?

Ein initiales Shedding zu Beginn der L-Thyroxin-Therapie ist häufig beschrieben und meist vorübergehend. Setzen Sie die Tabletten nicht eigenmächtig ab, sondern besprechen Sie die Beobachtung mit Ihrem Arzt und warten Sie die korrekte Dosiseinstellung ab.

Wie lange dauert das Nachwachsen?

3 bis 6 Monate, bis eine sichtbare Verbesserung eintritt. Die volle Dichte kann erst nach 9 bis 12 Monaten oder später erreicht sein, weil der Haarzyklus die abgelaufene Telogenphase erst nachholen muss.

Wissenschaftliche Quellen

  • van Beek N et al.: Thyroid hormones directly alter human hair follicle functions. J Clin Endocrinol Metab (2008). PubMed
  • Billoni N et al.: Thyroid hormone receptor beta1 is expressed in the human hair follicle. Br J Dermatol (2000). PubMed
  • Wohl Y et al.: Assoziation von Hashimoto-Thyreoiditis und Alopecia areata (OR 1,67). JDDG (2026). Wiley Online Library
  • van Zuuren EJ et al.: Selenium supplementation for Hashimoto’s thyroiditis (Cochrane-Review). Cochrane Database Syst Rev (2013). PubMed
  • Hussein RS et al.: Impact of Thyroid Dysfunction on Hair Disorders (Übersichtsarbeit). NIH/PMC (2023). PMC
  • American Thyroid Association: Hair loss and thyroid disorders (kein fester TSH-Schwellenwert). Clinical Thyroidology for Patients. thyroid.org
  • DEGAM: AWMF-S2k-Leitlinie 053-046 „Erhöhter TSH-Wert in der Hausarztpraxis“ (2024). AWMF-Register
  • IQWiG / gesundheitsinformation.de: Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose), Prävalenzdaten. gesundheitsinformation.de

Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine ärztliche Diagnose oder Behandlung. Bei Haarausfall und Verdacht auf eine Schilddrüsenstörung wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.

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Dr. Imad Moustafa

Dr. Imad Moustafa

Haartransplantation Arzt

Validierte Faktenprüfung: Medizinisch überprüft durch das “Elithair Medical Board”. Dieser Artikel entspricht unseren strengen medizinischen Überprüfungsrichtlinien, um sicherzustellen, dass alle gesundheitsbezogenen Angaben durch aktuelle klinische Daten und medizinische Quellen gestützt werden.